Konzept


"Zurück zum unverkrampften Spiel"
NMZ-Artikel
"Dreigroschen Au-pair" Focus-Artikel
"Der Selbermacher" Süddeutsche Zeitung

 

 

 

Das Konzept unserer Opern

 

Seit 2003 stellt die Kammeroper München mit ihren eigenen Fassungen bekannter Werke und Raritäten der Opern- und Operettenliteratur eine Alternative und Bereicherung des Münchner Kulturlebens dar. Die nach ihrem Rezept erstellten Produktionen sind inzwischen auch im gesamten deutschsprachigen Raum beim breiten Publikum beliebt und von Kennern geschätzt.

Die strenge Trennung zwischen Zuschauerraum und Bühne verschwindet, und der Besucher findet sich inmitten des Geschehens wieder.

Markenzeichen sind zum einen die Arrangements für 10-köpfiges Orchester von Alexander Krampe, die jedem Werk seinen unverwechselbaren Klang geben, und zum anderen die Übersetzungen von Dominik Wilgenbus, die sich mit Witz und Charme dem Geist der Originale verpflichtet fühlen.
Die Inszenierungen setzen neben dem poetischen Einsatz einfacher Mittel vor allem auf die komödiantischen Qualitäten der jungen Sängerinnen und Sänger.

Die "unkonventionellen, unverkrampften und publikumsnahen Inszenierungen auf hohem sängerischen Niveau" (Focus, 30. März 2002) haben sich längst einen großen Freundeskreis erspielt.

 

 

Das Ensemble

 

Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit den Musikhochschulen München, Augsburg, Nürnberg und Würzburg, um dem Sänger-
nachwuchs ein Podium zu bieten und ihn dadurch zu fördern.
Darüber hinaus besetzt die Kammeroper München ihre Produkt-
ionen mit jungen, viel versprechenden Gesangstalenten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.

Das Orchester setzt sich aus freien Musikern zusammen, die
sich neben der Tätigkeit an Münchens Bühnen und Orchestern speziell für diese Art von Kunst zusammengeschlossen haben.

Durch die begeisterten und überschwänglichen Reaktionen des Publikums lassen sich die Produktionen nicht mehr aus Münchens Opernleben wegdenken: „In Scharen werden sie wieder hinpilgern und jubeln, die Opernnärrischen dieser Stadt“ (Süddeutsche Zeitung).

 

 

ronald

Ronald Schweppe
, Kontrabass, war nach dem Musikstudium zunächst als Studiomusiker tätig und wirkte bei Plattenproduktionen unter anderem mit dem Tanzorchester Hugo Strasser und den Münchner Philharmonikern mit.

Nach zahlreichen Ausflügen in die Welt der „ernsten Musik" (etwa mit den Münchner Symphonikern) sowie des nicht minder ernsten argentinischen Tangos, schloss er sich 2003 dem Ensemble der Kammeroper München an, wo „Leichtigkeit" genauso wie übrigens auch im Duden groß geschrieben wird.
christophe

Christophe Gördes
, Konzertreisen führten ihn mit dem Orchester des Schleswig-Holstein- Musikfestivals unter der Leitung von Leonard Bernstein und der Bayerischen Staatsoper ins gesamte europäische Ausland.

Christophe Gördes ist Mitbegründer und Ensemblemitglied der Kammeroper München und übernahm 2004 die geschäftliche Leitung. Er spielt im Orchester Klarinette und gehört mit Alexander Krampe und Dominik Wilgenbus zum künstlerischen Leitungsteam.
christiane

Christiane Steffens
, Flötistin, ehemals Mitglied des Philharmonischen Orchesters Nürnberg, der Pocket Opera und des Ensembles Amadé.

Ihre Liebe gilt der Kammermusik (Linos Ensemble, Ensemble Pro-Musica mit Solisten des Bayerischen Rundfunk und der Berliner Philharmoniker), deshalb ist sie Mitbegründerin der Kammeroper München, die für sie etwas Einmaliges ist. Zahlreiche CD Einspielungen, unter anderem mit Jean Francaix und Konzertreisen, auch als Solistin, z.B. mit den Kammersolisten Augsburg, nach England, Frankreich, Malta, Amerika und Japan.
katrin#+


Katrin Wollenweber
studierte in München, London und Augsburg und ist seither als freischaffende Geigerin tätig.

Rege Kammermusiktätigkeit sowie Mitgliedschaft bei diversen Ensembles – zum Beispiel Deauville Ballhausorchester, Ensemble für zeitgenössische Musik „piano possibile“.

Bei der Kammeroper München spielt sie die erste oder zweite Geige und ist 2. Vorsitzende.
thomas


Thomas Wollenweber
studierte Cello.

Er hat den Part des Webdesigners und Cellisten an der KOM übernommen.

Nebenbei gibt er auch noch den Bruno Maccarone bei der Cello-Mafia.
ruth


Ruth Gimpel
spielt das Fagott.

Nach zahlreichen Reisen, die sie über das Gewandhaus in Leipzig bis an die Staatsoper in Helsinki gebracht haben, wird sie nach ihrer
Rückkehr nach München dem Kreis der Immobilisten zugerechnet.
ruth
Alexander Kuralionok begann seine Ausbildung bereits in jungen Jahren: er besuchte von seinem neunten Lebensjahr an die Staatliche Musikschule in seiner Heimatstadt Minsk und bildete sich später am Musiklyzeum an der Weißrussischen Staatlichen Musikakademie fort. Seit 2003 studiert er am Richard-Strauss-Konservatorium in München und ist Stipendiat der Organisationen "Yehudi Menuhin - Live Music Now" und "Europa Gesellschaft".

Alexander gewann zahlreiche internationale Akkordeonwettbewerbe und konzertiert solistisch in verschiedenen kammermusikalischen Besetzungen.
ruth
Nach nur 3 Jahren Violinunterricht fand die Münchnerin Susanne Weis schnell zu ihrem Instrument, der Bratsche. Sie studierte zunächst an der Musikhochschule München und vollendete ihr Studium nach einer Kinderpause in Augsburg bei Paul Reisewitz und Prof. Tluck.

Viele Konzerttourneen mit verschiedenen Ensembles bereichern ihr musikalisches Leben.
Mit der bayerischen kammerphilharmonie, deren Gründungsmitglied sie ist, kam und kommt es zu erstklassigen und besonders beeindruckenden musikalischen Erlebnissen. Sie unterrichtet an der Gersthofener Musikschule und verbringt ihre Freizeit am liebsten in der Einsamkeit der Berge.


Süddeutsche Zeitung vom 14. August 2009:

Weit unter die Oberfläche

Die Kammeroper München zeigt das Haydn-Pasticcio „Untreue lohnt sich" in Nymphenburg

„Untreue lohnt sich", eine bislang unbekannte Oper von Joseph Haydn, nach einem Libretto von Marivaux? Erstaunlich, erstaunlich. Wahr und auch wieder nicht. Regisseur Dominik Wilgenbus nahm sich für die Kammeroper München ein Stück von Marivaux, „La double Inconstance", vor, erklärte es zum Libretto und passte es der Musik aus acht Opern von Haydn nebst ein paar Liedern an, so dass man zwar von einer neuen Haydn-Oper sprechen kann, aber von keiner, die Haydn selbst geschrieben hat. Premiere ist am 19. August im Hubertussaal von Schloss Nymphenburg; die Musik arrangierte wie üblich Alexander Krampe.

SZ: Warum bastelten Sie sich jetzt Ihren Haydn selbst?
Wilgenbus: Weil die Kammeroper schon zweimal Haydn gemacht hat, „Die Welt auf dem Mond" und „Ritter Roland", weil sich kein anderes Münchner Theater sich zu Haydn im Haydn-Jahr berufen fühlt, und wir uns deshalb dachten, wenn uns das überlassen bleibt, dann machen wir es ein bisschen anders. Und wenn er schon 200 Jahre tot ist, dann soll er eine Uraufführung haben.

SZ: Taugen die anderen Opern von Haydn nichts?
Wilgenbus: Doch, doch. Aber jetzt können wir uns die Rosinen herauspicken. Ein Beispiel: Haydn hat in seine Opern klassischerweise jeweils vielleicht drei Final-Ensembles und noch ein Duett geschrieben. Ansonsten sind's Arien. Wir legen aber viel Wert auf Ensembles. Und wenn ich den Marivaux verwursten will, brauche ich sehr viele Ensembles. Da bot sich nicht an, eine komplette Oper umzuarbeiten. Sondern ich suchte mir aus den verschiedenen Haydns die Ensembles zusammen. Jetzt ist es etwa halbe-halbe, Arien-Ensembles.

SZ: Ergibt das ein geschlossenes Ganzes?
Wilgenbus: Ich denke schon. Stilistisch sind die Stücke von Haydn so uneinheitlich nicht, auch wenn sie über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg entstanden sind.

SZ: Aber die Struktur ist ja eine, die Haydn nie verwendet hat, eben aufgrund der vielen Ensembles.
Wilgenbus: Sagen wir mal so: Das Stück sieht jetzt eher ein bisschen wie Mozarts „Cosi" aus, von der Aufteilung und der Gewichtung der Nummern her, das gebe ich zu. Aber das wird Haydn schon verschmerzen. Wenn man die Geschichte, wie sie Marivaux aufgeschrieben hat, erzählen will, ergibt sich das einfach so. Und Marivaux ist eine andere große Leidenschaft von mir, aber man lässt mich halt nie einen inszenieren - den letzten habe ich, glaube ich, als Diplom beim Regiestudium gemacht. Es passt eh zusammen: Es geht den beiden Herren ähnlich. Beide sind toll, werden aber viel zu selten gemacht.

SZ: Auch wenn dieser Marivaux, unter dem Titel „Die Unbeständigkeit der Liebe", gerade vom Staatsschauspiel im Cuvillies-Theater gespielt wird.
Wilgenbus: Das wusste ich gar nicht, als wir letzten Sommer beschlossen, diese Sache zu machen. Inzwischen habe ich ihn mir angeguckt. Und ich dachte mir: Siehste, es ist wie überall - die Stücke liegen in der Luft. Das geht mir auch mit anderen Stücken so, die ich gerade oder bald mache, „Rusalka" oder „Wildschütz". Die spielen sie alle wieder.


SZ: Woran liegt das beim Marivaux? An der Bösartigkeit?
Wilgenbus: Die Kurve, die dieses Stück nimmt, ist absolut böse. Und, sagen wir mal so, Haydns Musik passt dazu. Er hat schon Stücke geschrieben, die weit unter die Oberfläche gehen, an der man ihn immer vermutet. Das ist nicht immer nur putzig. Ein Beispiel: Wir haben uns für eine Stelle die Sterbearie der Euridice aus „L'Anima del Filosofo" geborgt. Und dieses Ding ist unglaublich tief, da kann man auch szenisch sehr viel machen. Es ist ähnlich wie bei Marivaux. Man kann die Commedia bedienen -schließlich schrieb Marivaux in Paris ja für die Comediens Italiens und nicht für die Schauspieler der Comedie Franchise - und dann geht's wieder in die Tiefe.

SZ: Wird Haydn - Stichwort „ Cosi" - nun moderner oder psychologischer?
Wilgenbus: Ein bisschen schon. Einige Musiknummern haben das ohnehin. Andere - ich habe gerade in Österreich, zum vierten Mal, „Die Welt auf dem Mond gemacht" - darf man nicht psychorealistisch spielen. Das sind Stücke, die funktionieren wie lebendig gewordene menschliche Puppen, in dem Sinn, dass sie ihre Gefühle immer hübsch nacheinander, aber nie gleichzeitig zeigen. Im Vergleich zu Mozart - sieben Leute stehen auf der Bühne, jeder hat ein unterschiedliches Gefühl, und dennoch kommt ein Ensemble dabei heraus - muss man fairerweise sagen: Das macht Haydn eben einfach nicht. Versucht man, ihn so zu inszenieren, fällt man, glaube ich, auf die Nase. In diesem Stück sind aber ein paar Nummern drin, bei welchen man auf keinen Fall beim Durchchoreographieren stehenbleiben darf. Immer wieder fällt man aus der Commedia in einen puren menschlichen Abgrund.

SZ: Das heißt, Sie unterlegen die Commedia mit einer Tiefenschicht?
Wilgenbus: Könnte man sagen. Das Stück pendelt da immer hin und her, je nach Figur oder Situation.

SZ: Wie funktionierte eigentlich Ihre Bastelarbeit?
Wilgenbus: Ich habe den Marivaux in einer bestehenden Übersetzung abgeschrieben; dann habe ich geschaut, wo man eine Arie machen könnte oder wo ein Musikensemble hinpasst. Daraufhin habe ich die Haydn-Opern durchgeschaut nach Musiknummern, die zu den einzelnen Stellen ideal passen. Und dann habe ich das Ganze übersetzt, das heißt: Der Text ist komplett von mir, gibt aber genau das wieder, was bei Marivaux steht. Inhaltlich bleibt also von den Haydn-Opern nichts übrig.

SZ: Und so ist nun auch mit Haydn möglich, was Marivaux im Sinne hatte, Haydn selbst als fürstlicher Kapellmeister auf Schloss Esterhdzy aber nie deutlich zur Sprache bringen durfte: eine Kritik an der herrschenden Klasse.
Wilgenbus: Das war nicht unbedingt meine Absicht, zumindest nicht zu Beginn der Arbeit. Aber uns geht es ja mit der Kammeroper ähnlich. Wir werden ja auch schon ab und an für eine Art neue Hofoper gehalten, weil wir in Schloss Nymphenburg spielen. Im Frühjahr hatten wir dann noch eine Gala mit lauter Von und Zus, da war es dann ganz aus.

SZ: Aber von den finanziellen Verhältnissen einer Hofoper sind Sie noch weit entfernt.
Wilgenbus: Absolut. Es wäre natürlich gar nicht der inhaltliche Ansatz. Wir wollen doch nicht Oper für die hohen Herrschaften machen, die sich dann ein bisschen amüsieren. Lieber jubeln wir Komponisten noch ein paar Stücke unter, die die nie geschrieben haben. Oder machen noch einmal Haydn, solange den keiner spielt, weil alle lieber Mozart machen, obwohl das etwas völlig anderes ist.

Interview: Egbert Tholl

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Neue Musikzeitung
Ausgabe Juli 06


Zurück zum unverkrampften Spiel


Die Kammeroper München – ein Erfolgsrezept

Bei der Oper hört nicht selten der Spaß auf. Es scheint, als würden die großen Opernhäuser ihren 400-jährigen Ballast in jeder Neuinszenierung abladen. Das Spiel, die gewitzte Aktion geht Baden und wird der voluminösen Ausbreitung der Stimmen und Stars geopfert. Die Verzahnung von Szene und Musik bleibt auf der Strecke. Langeweile gehört zum Gepäck (zugegeben: Das ist etwas pauschal, aber wie häufig erlebt man Musiktheaterregie, die nicht mit der Musik arbeitet, sondern sich allein deutend, psychologisierend oder einfach im Konventionellen verharrend danebenstellt).

Das muss nicht so sein, meint seit einigen Jahren die Kammeroper München. Ihr Konzept ist ebenso einfach wie schlagend. Man fährt die Oper zurück auf ihre Ausgangsbedingungen und entwickelt von hier aus neue, griffige, punktgenaue und vor allem stets vergnügliche Konstellationen. Reduzierung auf die wesentlichen Punkte ist das Prinzip (man hat im Münchner Kulturzentrum Pasinger Fabik begonnen; die Bezeichnung als „Münchens kleinstes Opernhaus“ wird mit Stolz vorgewiesen).

Das fängt beim Orchester an, das solistisch besetzt ist und in der Regel mit einem Streichquintett und circa vier Bläsern (plus eventuell ein Cembalo) auskommt. Die Sänger sind jung, unverbraucht, kommen von der Hochschule, dem Konservatorium oder der Bayerischen Theaterakademie. Das macht Liebes- und Eifersuchtsszenen auf ganz natürliche Weise verständlich.

Wenn man sieht, mit welch jungen Sängerinnen und Sängern Mozart zusammenarbeitete, dann versteht man (ein 50-jähriger Tamino, eine nur wenig jüngere Papagena, da kann sich die Regie noch so biegen, es bleibt ein Rest von Lächerlichkeit).
Und jetzt kann man wirklich zu spielen beginnen. Die Statik, die oft auf großen Bühnen herrscht, ist im Grunde eine Beleidigung der Musik. Denn jeder Komponist, am intensivsten wohl Mozart, hat jede Geste, jede Bewegung, jede Stimmungsverschiebung musikalisch mitgedacht.

 

 

 



Das genaue Timing, auch wenn es den Begriff damals nicht gab, spielt eine fundamentale Rolle. Die Oper als flexibles Gerüst zwischen Geste, Wort und Musik rückt in alte Rechte.

Freilich muss hier auch die eigene Kreativität einsetzen und Dominik Wilgenbus, der in vielen Produktionen der Kammeroper München für Textfassung (intelligent und treffsicher) und Regie verantwortlich zeichnete, versteht es immer wieder, ein Feuerwerk an Ideen, die eng mit den Aktionen der Musiker korrelieren, zu zünden. Auf einmal erscheint Oper entkrampft, schnell und quicklebendig und wird in ihren Basisbedingungen neu verstanden.

Inzwischen hat sich eine große Fangemeinde entwickelt, bei der ein anderes, wohl genaueres Opernbewusstsein existiert, als dies in den Stätten der gehobenen Begegnung der Fall ist. Das tut gut, denn die Oper stellt sich offensiv der Frage nach ihrer Berechtigung und gibt triftige Antworten. Denn das „unmögliche Kunstwerk“ muss immer wieder durch aktive Tat auf allen, eng aufeinander abgestimmten Ebenen seine Möglichkeit neu erringen. Nicht über Gags, die sich blöde über die Sache erheben, sondern über eine neue Form von liebender und achtender Hinwendung.

Die in der Regel begeisterten Kritiken liefern den Beweis. Man erlebt nicht Oper auf einem ironischen Abstellgleis, sondern wird unversehens ins Zentrum des Geschehens gerückt: genussvoll, heiter, tief. Und die Qualität von musikalischer Darbietung, Regie und vor allem gesanglicher Präsenz unterstreichen dies.

Gewiss: Eine zu ihren Wurzeln zurückkehrende Oper ist kein Modell ihrer Rettung. Aber es ist das heute notwenige Regulativ vor ihrer Erstarrung.

Werke von Haydn, Mozart, Rossini, Donizetti, Strauß, Smetana und anderen wurden bisher aufgeführt. Jetzt gibt es im August (21., 22., 23., 27.) im Schloss Nymphenburg Domenico Cimarosas „Die heimliche Ehe“. Wieder zeichnet Dominik Wilgenbus für Text und Regie verantwortlich, Martin Hannus ist der musikalische Leiter, das musikalische Arrangement liegt in den bewährten Händen von Alexander Krampe. Mit Vergnügens- und Erhellungsgarantie.

Reinhard Schulz

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Artikel aus dem Focus 14/2002

KLASSIK

Dreigroschen Au-pair

Kleine Off-Bühnen stemmen großes Musiktheater - mit Erfolg. Junge Künstler singen kostenlos, um für die Profikarriere zu üben.

 

Ein Zeichen vom Leibdiener genügt, und alle Untertanen jubeln voller Begeisterung. "Bassa Selim lebe hoch! Hoch! Hoch! Hoch!" Die Untertänigsten an den Bistrotischen schwenkenden türkischen Fahnen, erheben die Gläser, huldigen dem Herrscher mit Verbeugungen.
Nur wenige trauen sich zu kichern, als der Pascha den Saal durchmessen hat und beim Betreten der Bühne fast strauchelt. Doch das Gelächter geht im mächtigen Gesang des Ober-Osmanen völlig unter. So viel Interaktion zwischen Bühne und Publikum gab es in München schon lange nicht mehr während der Ouvertüre zu Mozarts "Entführung aus dem Serail".

Der inszenierte Jubel trägt sich natürlich nicht in der ehrwürdigen Bayerischen Staatsoper zu, sondern in einer ehemaligen Fabrikhalle am Pasinger Bahnhof. Der firmiert mittlerweile stolz als "Münchens kleinstes Opernhaus". Doch klein kommt ganz groß an.
"Mit dieser Einlage haben wir uns den Chor der Janitscharen gespart und das Publikum gleich für uns eingenommen", frohlockt Produktionsleiter Markus Wörl. Damit bringt er das Erfolgsrezept deutscher Off-Opern auf den Punkt: Aus chronischer Geld- und Personalnot machen unabhängige Musiktheaterbühnen landauf, landab eine Tugend, indem sie zu unkonventionellen Mitteln greifen.

Das Ergebnis sind unverkrampfte, publikumsnahe Inszenierungen auf meist hohem sängerischen Niveau, dafür jedoch in inszenatorisch abgespeckter Version. Der Mozart-Klassiker im Münchner Vorstadttheater wird in zwei statt der tatsächlichen drei Akte aufgeführt. Gerade mal acht Musiker ersetzen das Orchester und spielen eine Kammerversion der Partitur.

Das Publikum ist begeistert, sitzt ohne trennenden Orchestergraben direkt an der Bühne und bekommt in der Pause "Lammtopf Osmin", passend zum orientalischen Sujet. "Den Besuchern gefällt vor allem die Nähe zu den Darstellern", sagt Wörl.
In Zeiten knapper Kulturetats und eines Überangebots an ausgebildeten Sängern und Musikern sind deutschlandweit fast ein Dutzend freie Operngruppen entstanden. Meist ohne staatliche Subventionen, aber mit viel Enthusiasmus.
Im Gegensatz zur unüberschaubaren Theaterszene war Oper lange nur an den großen Staats- und Stadttheatern denkbar. Weil nur sie eine herkömmliche Opernproduktion mit dem Riesentross von Sängern, Musikern, Bühnenarbeitern finanzieren können.

Der Bayerischen Staatsoper beispielsweise stehen jährlich fast 50 Millionen Euro zur Verfügung. Von solchen Summen kann die Off-Szene nur träumen. Dort arbeiten die meisten ehrenamtlich, sprich honorarfrei.
Knappe Fördermittel, Einnahmen aus Eintrittspreisen und Sponsorenspenden ermöglichen Etats zwischen 15.000 und 80.000 Euro. Wie da solide Inszenierungen überhaupt zu Stande kommen?

 

 

 

 



"Durch gnadenlose Selbstausbeutung und viel Idealismus", sagt Klaus Simon, der vor neun Jahren die Young Opera Company Freiburg (YOC) gegründet hat. Um die Kosten gering zu halten, stellt das kleine Freiburger Team für die einzelnen Projekte neue Ensembles aus freischaffenden Künstlern und Studenten zusammen. So hat die YOC immerhin fünf originelle Inszenierungen zu Wege gebracht. Darunter Benjamin Brittens "The Rape of Lucretia" und zu letzt Wolfgang Rihms "Jakob Lenz".

KULTUR

Sponsoren zu gewinnen fällt dem gelernten Musiker Simon schwer: "Ich verstehe eben mehr vom Musizieren als vom Organisieren." Ein sicheres Händchen für Sponsoren beweist dagegen Benjamin von Blomberg, 23. Der umtriebene Jungmanager, der vor zwei Jahren den Verein Evviva La Diva gegründet hat, mobilisierte für das erste Projekt " Theatertote" gleich mehrere namhafte Finanziers.
"Ich habe aber auch eineinhalb Jahrelang beständig nachgefragt, immer wieder angeklopft", berichtet der Betriebswirtschafts- und Musikstudent.

Sein Konzept, eine Oper frei zu produzieren und als Gastspiel bei Festivals anzubieten, ging auf. So fanden die Proben zu "Theatertote", einer umgeschriebenen Fassung von Donizettis Komödie "Le convenienze ed inconvienze teatrali", in einer Scheune auf Schloss Wanzleben in Sachsen-Anhalt statt. Das Anwesen hatte der kunstsinnige Schlossherr für vier Wochen zur Verfügung gestellt.

Später ging die Truppe auf Tour. Die Parodie auf den Opernbetrieb kam vor allem bei jungem Publikum gut an. "Wir hatten uns gefragt, warum unsere Generation Oper so uncool findet", erklärt der Selfmade-Intendant, "dabei muss das überhaupt nicht verstaubt und verkrustet sein."

Diese Ansicht teilt auch Sängerin Esther Hilsberg, 26. Vor fünf Jahren hat sie zusammen mit Schwester und Dirigentin Inga, 29, die junge Kammeroper Köln gegründet. Anders als die meisten Off-Initiativen führt ihre Mannschaft gängige Repertoire-Klassiker wie Mozarts "Cosi fan tutte" oder Strauß "Die Fledermaus" auf. Entstaubt und frisch inszeniert.

Die Initiative will vor allem den Nachwuchs fördern. "Wir verstehen uns als Brücke zwischen Studium und festem Engagement. Bei uns können junge Sänger in den großen Partien Erfahrungen sammeln", sagt Esther Hilsberg.

Von der Headhunter-Funktion der Off-Avantgarde können auch die etablierten großen Häuser profitieren. Bei unabhängigen Compagnien wie der Kölner Kammeroper erreichen junge Sänger und Künstler professionelles Niveau, gerade weil an den kleinen Bühnen öfter auch mal etwas schief läuft. Aus Fehlern lernt schließlich noch der ausgebuffteste Profi.

Um die Zukunft der Off-Opern ist Esther Hilsberg deshalb nicht bange: "In den Köpfen wird sich schon festsetzen, dass es neben dem Althergebrachten noch was anderes gibt." Prinz Orlofsky lebe hoch. Die Fledermaus! Hoch! Hoch! Hoch!

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Artikel aus der Süddeutschen Zeitung

Der Selbermacher

Tausendsassa Dominik Wilgenbus inszeniert Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel" in der Pasinger Fabrik.


Eben noch ruhte Dominik Wilgenbus in einem Stuhl vor der Bühne, die Hände gefaltet wie zu einem Gebet, doch jetzt hält ihn nichts mehr zurück. Mit einem Satz ist er auf der Rampe, wo Hänsel und Gretel respektive Franziska Rabl und Anna Silvia Lilienfeld singend herumhopsen, sie mit mädchenhafter Anmut, das Brüderchen hölzern wie eine Gliederpuppe.

Aber Hänsel will ja nicht wirklich tanzen. Will nur die Gretel ablenken, um an den Reisbrei heranzukommen. "Reisbrei, Reisbrei, herrlicher Brei! Gibt's Reisbrei, da ist Hänsel dabei." So sieht's aus, und wie Hänsel, ach wo: wie Franziska Rabl das spielt, ist schwer in Ordnung - denkt man. Doch jetzt rauscht Wilgenbus heran, klatscht ab, Ende der Szene. War doch nicht alles in Ordnung. Da war ja noch ein Rest Grazie in Hänsels Tanz, der hat da nichts verloren. Ein tänzerisches Debakel möchte Wilgenbus sehen, und damit kein Zweifel aufkommt, führt er die Sache gleich selbst vor: tapst herum wie ein Tanzbär, die Nase Richtung Reisbrei und stolz deklamierend: "Gell, das kann ich sehr gut." Gelächter. Dies ist der Moment, wo man wünscht, er möge den Hänsel gleich selber spielen.

Wilgenbus ist Regisseur, jedenfalls hauptsächlich. In diesen Tagen, die so grau sind und gottlob kurz, inszeniert er in der Pasinger Fabrik Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel". Wenn er nicht gerade auf die Bühne stürzt, sitzt er da wie ein weiser Buddha, dem das Gewusel von hektischen Requisiteuren und frisch kostümierten Sopranistinnen nichts anhaben kann. Und gelegentlich demonstriert der Buddha überlegene Weisheit: "Das ist ´ne Achtelnote, nichts sonst", mahnt er Mezzosopranistin Michaela Knab, die die Mutter gibt. Woher weiß er das? Er hat keine Partitur vor sich, kein Libretto, nicht mal ein Blatt mit Notizen. Braucht er nicht. Er hat die Partitur im Kopf, und notfalls setzt er sich ans Klavier und spielt.

Später, im Café, erinnert sich Wilgenbus, enthusiasmiert von einem Stück Käsesahnetorte, an seine erste Regiearbeit. Das war 1976. Während seine Altersgenossen Kinderplatten hörten, lauschte der zehnjährige Dominik Opernaufnahmen mit einer Begeisterung, die den Eltern allmählich Sorgen bereitete. Sogar Wagner mochte er, und eines Tages inszenierte Dominik mit dem Rittersortiment von Playmobil den zweiten Akt der "Meistersinger" in seiner Kinderstube. Mangels Orchester begleitete eine Schallplatte die Aufführung. Wäre er nicht mit der Regie beschäftigt gewesen, hätte er auch selbst zum Instrument greifen können: Klavier spielte er schon, auch Blockflöte und Glockenspiel, Cello und Oboe sollten noch hinzukommen.

Vielleicht war er ja doch ein wenig aus der Art geschlagen, der Sohn eines Elektroingenieurs aus Borken, der im Sommer den Ferien an der Ostsee entgegenfieberte, weil die Familie dort den jährlichen Opernbesuch unternahm. Mit "Carmen" hat es angefangen, "ich weiß noch das Bauchkribbeln während der Aufführung".

Im Gymnasium drängte es ihn, den "Faust" nicht nur zu lesen, sondern unverzüglich aufzuführen, mit Wilgenbus als Mephisto natürlich.



 

 



Da zeichnete sich schon ab, dass er bald in eine Zwickmühle geraten würde: Musik oder Theater?

Als die Zeit gekommen war, bewarb sich Wilgenbus für die Dirigenten-, Schauspieler- und Regisseur-Laufbahn. Merkwürdigerweise waren seine Darstellungskünste weniger gefragt, aber mit dem Dirigieren hätte es geklappt. Und doch entschied er ich für das Regie-Studium. In München. Bei August Everding.

Übrigens hat Wilgenbus für den Verzehr seiner Käsesahnetorte eine halbe Stunde gebraucht, weil er vor lauter Reden kaum zum Essen gekommen ist. Er kann wunderbar vom Theater erzählen, so hinreißend, dass man rasch mit dem Gedanken spielt, ihn um einen Job als Kulissenschieber zu bitten. Was zum Beispiel war das für ein Spaß, als er vor einem Jahr Johanna Spyris Alpenmelodram "Heidi" als Musical darbot: Wilgenbus, der die Texte schreiben sollte, kam ewig nicht voran. Folglich geriet Komponist H.C. Myla in Verzug.

Hilfsweise komponierten Wilgenbus und einer der Sänger die fehlenden Songs, und "bis zur Generalprobe haben wir gedacht, das wird der größte Scheiß aller Zeiten". Es wurde dann eine fabelhafte Aufführung in typisch Wilgenbus´scher Manier: Ein riskantes Jonglieren mit diversen Stilelementen, das die Lust am Grotesken und Aberwitzigen zelebriert und dabei entgegen aller Logik im Takt bleibt, spielerisch, witzig, mit leichter Hand in Szene gesetzt.

"Ich hab' kein Interesse an Inszenierungen, die die Geschichte nicht erzählen, sondern interpretieren", sagt er. "Das ist, als könnten manche Regisseure ihren Beruf nicht akzeptieren. Ich muss mich nicht wichtig machen, indem ich mich zwischen die Zuschauer und die Geschichte schiebe." Geschichtenerzähler - nichts anderes sollte man sein als Regisseur. "Und wenn es sehr gut werden soll, muss es auch das Risiko bergen, dass man auf die Fresse fliegt." 1993 am Gärtnerplatz-Theater ist ihm das passiert. Seine Inszenierung der Rossini-Oper "Diebische Elster" wurde von der Kritik nach allen Regeln der Kunst zerzaust.

Über den Flop plaudert Wilgenbus genauso entspannt wie über die Schmähungen, die das Innsbrucker Publikum auf seine Version Der Johann-Strauß-Operette "Eine Nacht in Venedig" abließ. "'Unsere heilige Kuh, die Operette, schlachtet ihr nicht', riefen die. Und ich hab sie geschlachtet. Wilgenbus liebt es zu experimentieren, und als freier Regisseur, so meint er, könne man eher Neues ausprobieren. "Ich find' das schön: Herumfahren und die Städte kennen lernen."

Dann inszenierte er "La Bohème" in Dortmund und "Black Rider" in Meiningen, "Wiener Blut" in Klagenfurt und Tom Johnsons sperrige "Riemannoper" in Ulm. Zurück in München, stellt er Shakespeares "Pericles" auf die Seebühne, trällert als Alleinunterhalter Schlager der zwanziger Jahre und knüpft sich in einer One-Man-Show Richard Wagner vor, dessen mediokre frühere Klavierwerke er ebenso gnadenlos zu Gehör bringt wie eine peinliche Novelle des Meisters.

"Ich kann mich bis heute nicht auf eine Sache beschränken." Versteht sich, dass er auch als Übersetzer tätig wird, wenn er etwa nach der Lektüre des deutschen Librettos von "La Cenerentola" zu dem Schluss kommt: "Welcher faule Hund war denn da am Werk!" Seine Cenerentola in der Pasinger Fabrik war dann wirklich furios. Wenn man nicht alles selber macht! Könnte von Wilgenbus sein, der Satz.



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